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Norwegen: 34 Jahre Reptilienhaltungsverbot

 
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davX
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Anmeldungsdatum: 08.06.2004
Beiträge: 8535
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 29.01.2012 18:12    Titel: Norwegen: 34 Jahre Reptilienhaltungsverbot Antworten mit Zitat

Hallo zusammen,

es ist erstaunlich, dass in unserem freien Westeuropa ein als fortschrittlich geltendes Land wie Norwegen es geschafft hat, Reptilien seit nun über 30 Jahre zu verbieten. Im Jahre 1977 setzten sie ein Gesetz in Kraft, welches die Haltung dieser Tiere fortan verbot. Die Bestände wurden getötet und bis auf wenige Ausnahmen wurde die Haltung verboten.

Was so sensationell klingt, wirft aber doch Fragen auf. Während gerade in Deutschland die Diskussion um Verbote von Terrarientiere und Kleinsäuger seit einiger Zeit in den entsprechenden Kreisen teils hitzig diskutiert wird, scheint es den meisten Halter kaum bekannt, dass eine solche Gesetzgebung in Norwegen schon längst Realität ist. Wieso? Und was hat sie gebracht?

Vielleicht hängt es gerade mit dem Resultat heute zusammen, dass man diesen Umstand ausserhalb von Norwegen kaum kennt, denn rühmlich ist die Situation heute in Norwegen keineswegs. Das Verbot konnte die Haltung nicht unterbinden so dass heute etwa 2% der Bevölkerung sich diese Tiere illegal hält und die Tendenz ist steigend. Die Polizei sieht denn auch wenig Handlungsbedarf, die Haltung von Reptilien wird als geringes Vergehen betrachtet und daher im Normalfall nicht geahndet und meist nur im Zusammenhang mit kriminellen Aktivitäten vollzogen. Es ist jedoch auch anzunehmen dass eine Anschwärzung, wie wir sie hierzulande bei nicht artgerechten Tierhaltungen kennen, durchaus ebenfalls vorkommen dürfte.
Der Einfluss auf die Haltung ist dagegen umso problematischer, denn eine artgerechte Haltung wird unter diesen Umständen stark erschwert, ähnlich wie in totalitären Staaten leben die Halter mit einer gewissen Sorge angezeigt zu werden und sind selbst beim annonymen Internet misstrauisch, getrauen sich oft nicht dort um Hilfe zu fragen, wenn Tiere krank werden oder sie andere Probleme bei der Haltung haben. Der Einschnitt in die Freiheit wirkt sich da besonders verheerend aus, mehr noch, führt der halbherzige Vollzug der Polizei dazu, dass die Tiere oft in den Terrarien qualvoll verenden, da sie mangels Tierärzte, die Wohnräume und Terrarien für mehrere Tage versiegeln und jeden Zugang untersagen. Werden Tiere getötet, weil sie beschlagnahmt und für illegal identifiziert wurden, dann werden sie oft qualvoll getötet, indem sie in einer Tiefkühltruhe eingefrohren werden oder im Winter samt Terrarium einfach in die Kälte gestellt werden.

Auswirkungen und Trends
Die Gesetzgebung konnte die Reptilienhaltung nicht verbieten, wie wir bereits eindrücklich gesehen haben, die illegale Haltung von 2% der Gesamtbevölkerung ist mehr noch ein beachtlicher Anteil der unsinnigerweise nun kriminalisiert wird. Problematisch ist insbesondere wie stark das Wissen um eine artgerechte Haltung unterbunden wird: es gibt kaum Literatur zur Haltung und zu Details dieser Arten. Was an Informationen vorhanden ist sind Tierbücher und Lexika mit sehr allgemein gehaltenen Informationen. Nicht unterschätzt werden darf auch der Umstand, dass gerade in Deutschland eine Zusammenarbeit von engagierten und erfahrenen Terrarianern mit zoologischen Einrichtungen stattfindet und so mancher Feldbiologe, der zum Schutz und Schutzprojekten der wilden Lebensräume von Reptilien und Amphibien weltweit beiträgt, selbst auch privat Echsen oder Lurche hält. Ein solcher Wissensaustausch wird in Norwegen durch das Gesetz gezielt unterbunden. Dazu hat es in der Vergangenheit auch zu einem Abwandern der Terrarianer in Nachbarsländer wie zum Beispiel Schweden gegeben.
Durch das Verbot gibt es zudem auch kaum sachkundige Tierärzte, was aber angesichts des grossen illegalen Bestands sehr schwer wiegt, da eine gute Versorgung selbst da nötig wäre, denn die Illegalität löst die Probleme letztlich nicht. Man könnte hier sogar Parallelen ziehen mit der Art und Weise, wie wir mit Flüchtlingen umgehen, die keine gültigen Papiere haben: Auch sie werden durch die Illegalität von der Öffentlichkeit bewusst ausgeblendet, stellen aber nach wie vor ein Problem dar und die Kriminalisierung verschärft Probleme nur noch und verhindert eine gute Integration. Dieses Muster ist also weder neu noch einzigartig, zeigt aber eine Form wie mit Populismus bei uns Probleme gezielt nicht gelöst werden und statt dessen unter den Teppich gekehrt dort weiter rumoren dürfen.

Das kommt natürlich den Medien zugute, die auf Kosten dieser Umstände gute Schlagzeilen zusammendichten können. In Norwegen können die Reptilien als gefährliche Schlangen bezeichnet werden, welche Kriminellen entfleucht seien:

Zitat:

In newspapers herptiles are portrayed as dangerous animals that are kept by dangerous criminals. Headlines such as “snakes on the rise amongst heavy criminals” are not unusual.

Quelle: http://www.reptilweb.no/index.php/Reptilearticles-in-English/the-herp-ban-in-norway.html


Noch schwerer wiegt aber die Unkenntnis in der Bevölkerung, welche die Reptilien als hochgefährliche Kreaturen fürchtet. Schutzmassnahmen sind mangels Kenntnisse dieser Tiere schwer umsetzbar und der Durchschnittsbürger macht sich ohnehin nicht viel Gedanken um die Natur. Um das daraus entstehende schlechte Gewissen zu stillen begnügt er sich mit einer Spende an eine Tierschutzorganisation die irgendwo am anderen Ende weit weg von ihm, irgend eine ihn nicht näher interessierende komische Kreatur schützt oder sich sonstwie engagiert. Wichtig ist nicht, was sie genau tut, sondern dass das schlechte Gewissen auf bequeme Weise gestillt werden kann. Eine gefährliche Entwicklung wenn man bedenkt, wie einfach es ist, diese Haltung auszunutzen, da es immer wieder Organisationen gibt, die in die eigenen Taschen wirtschaften, da ihnen niemand genauer auf die Finger schaut. Den Tieren ist aber auch daher wenig geholfen, da ohne das Engagement und das Verständnis der Bevölkerung oft nur wenig bewegt werden kann. Das Verbot setzt also auch hier an und behindert wirkungsvolle Natur- und Tierschutzarbeit.

Behindert wird durch das Verbot auch die Arbeit des Naturschutzes, der versucht Lebensräume der Reptilien in Norwegen zu schützen. Dazu machen sich Leute strafbar, welche Reptilien halten um an ihnen zu arbeiten und daran arbeiten die gesetzlichen Bedingungen zu verbessern, da für wichtige Teile der Erkenntnis halt auch die lebenden Tiere wichtig sind, dass man ihr Verhalten beobachten kann, dass die Haltungsbedingungen bekannt sind und dass physiologische Merkmale direkt am lebenden Tier untersucht werden können etc.


Fazit
Das Beispiel Norwegen zeigt, dass das langjährige Reptilienverbot sehr umfangreiche und vorwiegend negative Auswirkungen hat, die von der Gesellschaft zwar nur wenig zur Kenntnis genommen werden, für Norwegens Natur aber umso verheerender sind. In der Bevölkerung führte das Verbot dazu, dass die Medien mit hetzerischen und bewusst falschen Darstellungen ein Bild der Reptilienhaltung und der tatsächlichen Gefahr von Reptilien vermitteln, das sehr zum Nachteil dieser schützenswerten Tiere ist. Die Polizei, welche die Gesetze vollziehen muss ist wenig interessiert am Schutz der Tiere selber, diese verenden oft in den Terrarien oder wenn das nicht geschieht werden sie oft mit fragwürdigen Methoden umgebracht, die hierzulande zu Recht als tierquälerisch verschrien sind. Dazu leidet auch die Wissenschaft darunter, die stark eingeschränkt wird. Da hilft auch wenig, dass Zoos Reptilien halten dürfen und eine Ausnahmebewilligung bekommen. Die Forschung ist nämlich oft nicht bloss über zoologische Institute/Zoos organisiert, sondern wird gerade bei uns oft auch über engagierte Privatorganisationen und durch Eigeninitiative von Wissenschaftler gefördert. Dazu kommt, dass im Natur- und Biotopschutz einheimischer Arten und deren Lebensräume oft auch nicht Akademiker involviert sind, die durch das Verbot ebenfalls stark eingeschränkt werden.

Wo es Verlierer gibt, da gibt es natürlich auch Gewinner. Das Verbot bietet einen Vorwand zur Kriminalisierung ungenehmer Leute, die Polizei bekommt ein Mittel in die Hand gegen Leute vorzugehen, gegen die sie sonst nichts in der Hand hätte. Für die Medien ist es eine sehr nützliche Situation, da sie die Situation gezielt ausnutzen kann und sensationsgeile Schlagzeilen zusammendichten kann. Der Umstand dass Reptilienhalter einer illegalen Tätigkeit nachgeht beflügelt dabei zusätzlich die Sensationsgier der Medien, welche mit Kriminellen und Verbrechern Sterotypen zusammenstricken kann, die keineswegs der Wirklichkeit entsprechen, aber stark genug sind um die Emotionen der Leser durchzurütteln und ihre Aufmerksamkeit zu fangen. Ein weiterer Profiteur sind fragwürdige Tierrechtsorganisationen, welche einst diese Gesetzgebung durchgebracht haben. Zwar hat das Gesetz wenig gebracht, denn was früher legal gehalten wurde, ist jetzt illegal genauso noch da, nur dass halt die Tiere mehr unter den Missständen des Verbots mehr leiden, aber die Radikalisierung verkauft sich gut und lässt sich für Stimmungsmache und populistischen Aktivismus ausreizen.

Es geht also letztlich um ein verlogenes Geschäft auf Kosten der Tiere von Organisationen, die genau das Gegenteil vorgeben, als dass sie mit dem Gesetz wirklich bewirken. Eingedämmt wird nämlich nur eines: eine seriöse und artgerechte Haltung der Tiere und der Fortschritt bei der Verbesserung artgerechter Reptilienhaltung. Insofern ist die gesetzliche Lage Norwegens ein Armutszeugnis und Schandfleck der europäischen Heimtierhaltung. Statt intelligenten und wirkungvollen Massnahmen, die den Haltungsbedingungen der Tiere und der Eindämmung des Wildtierhandels zugute käme, kommt diese Gesetzgebung dem Schlag mit einer grossen Keule gleich, die alles kaputt macht, egal ob gut oder schlecht.

Da diese Gesetzgebung nun auch als Vorbild genommen wird von jenen Tier"rechts"organisationen für eine europäische Gesetzgebung, ist es umso wichtiger, dass dieses Thema in den Tierhalterkreisen nicht in Vergessenheit gerät und vor allem auch, dass sich die Tierhalter nicht gegenseitig ausspielen lassen.

Quelle zur Lage in Norwegen:
http://www.reptilweb.no/index.php/Reptilearticles-in-English/the-herp-ban-in-norway.html
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SvenDjo
Fellnase


Anmeldungsdatum: 27.04.2012
Beiträge: 1

BeitragVerfasst am: 27.04.2012 14:06    Titel: Re: Norwegen: 34 Jahre Reptilienhaltungsverbot Antworten mit Zitat

Hey!

Ich habe deinen Artikel gelesen und muss sagen, dass es schon eine Schande ist. Aber das läuft immer so ab. Wenn ein Land etwas verbieten möchte, tut es dies auch. Aufklärungsarbeit wird einfach nicht betrieben, weshalb der Großteil der Leute so denkt, wie es "vorgeschrieben" ist. Und leider wird sich das auch nicht so schnell ändern, da die Änderung in den Köpfen der Leute stattfinden muss.

LG

Sven
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