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Zahnprobleme zuchtbedingt?

 
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davX
Team


Anmeldungsdatum: 08.06.2004
Beiträge: 8413
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 28.04.2015 20:20    Titel: Zahnprobleme zuchtbedingt? Antworten mit Zitat

Huhu,

mich würde das mal interessieren, wie ist das in der Kaninchen- oder Meerschweinchenzucht, besteht da die Gefahr, dass durch ungünstige Zucht die Tiere zu starken Zahnproblemen neigen?

Meine Schwester hatte letzthin mit einer Deguhalterin ein interessantes Gespräch und da fiel eben auch das Thema Zahnprobleme und sie meinte, dass es zuchtbedingt wäre, dass die Zähne kreuz und quer wachsen, auch retrogrades Wachstum habe sie gehabt.
Es handelte sich dabei aber (unter anderem?) um blaue Degus, also nicht Agoutis/Wildfarbene.

Wir hatten das Thema in der Vergangenheit schon öfters, weil vieles kann wirklich durch die Ernährung korrigiert oder verschlimmert werden. Die Frage, die ich mir jetzt wieder stelle, wie gross ist der Anteil der Zucht bzw. der "Genen" (ich hasse diesen Ausdruck, auch wenn er vielleicht nicht ganz so falsch ist... Zucht tönt besser und wenn man es genau nehmen würde, müsste es nicht Gene sondern Allele heissen)?
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Noraja
Freak


Anmeldungsdatum: 25.04.2010
Beiträge: 665
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 28.04.2015 22:27    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo

Zahlen weiss ich auch keine. Die gibt es vermutlich auch nicht.

Aber soweit ich beurteilen kann, sind bei den Kaninchen die allermeisten Zahnprobleme erworbene Zahnprobleme. Fälle in denen Zähne kreuz und quer wachsen, obwohl das Tier zeitlebens zahnfreundlich (= mit Wildkräutern/Gras) ernährt wurde, sind mir keine bekannt.

Was aber nicht heisst, dass es nicht geht. Mit Zucht kann man sehr viel verändern, wahrscheinlich würde man es schon irgendwie schaffen zahnkranke Kaninchen hinbekommen, wenn man gezielt Zuchttiere mit Zahnproblemneigungen und -auffälligkeiten verpaart und mit solchen Verpparungen herumpröbelt, bis man einen Genmix hat, der dermassen nicht mehr zusammenpasst, dass Zahnprobleme vorprogrammiert sind. Bei einem Gebiss, das ständig nachwächst, muss vieles aufeinander abgestimmt sein, dieses Gleichgewicht zu stören, dürfte im Rahmen des machbaren sein ohne dass man dazu ein neue Zahn-Schaden-Gen braucht.
Bisher scheint das bei Kaninchen jedoch nicht im grossen Stil gemacht worden zu sein. Ich weiss jedenfalls von nichts.


Lässt man seltene Stoffwechselstürungen und derartige Erkrankungen weg, gibt es bei Kaninchen genau ein typisches Zahnkrankheitsbild, das wirklich angeboren ist und zwar die Brachygnathie. Das sind Tiere, bei denen der Abstand zwischen den Backenzähnen im Oberkiefer und den Oberkieferschneidezähne zu kurz sind. Dadurch berühren sich die Schneidezähne nicht oder ungenügend und wetzen sich nicht genügend ab.

Anfangs sind nur die Schneidezähne auffällig und die Backenzähne völlig in Ordnung, lässt man die Schneidezähne jedoch zu lange wachsen, sodass sie beim Fressen stören oder das Kauen behindern, entwickelt sich mit der Zeit sekundär jedoch dann doch gerne eine Backenzahnproblematik.


Fast alle anderen Kaninchen-Zahnerkrankungen werden durch die Ernährung und Haltung beeinflusst, wobei die Disposition und damit natürlich durchaus die Gene eine recht grosse Rolle spielen.

Es gibt sehr viele Kaninchen, die selbst bei reiner Fertigfutterernährung viele Jahre ein tolles Gebiss behalten. Diese Kaninchens sind die Mehrheit.

Allerdings sind doch nicht wenige Kaninchen recht anfällig für Zahnerkrankungen. Das Kaninchengebiss ist nunmal ein Gebiss, das eigentlich dafür gedacht ist, mit seitlichen Bewegungen Gräser und Kräuter zu zerkleinern. Die Mehrheit der Hauskaninchen im deutschen Sprachraum wird nicht so ernährt.

Da Kaninchen seitlich kauen, ist ihr Gebiss verglichen z.B. mit dem mesnchlichen Gebiss, für eine verhältnismässig stärkere Seitenlast gedacht, aber dafür für verhältnismässig kleinere Axiallasten.
In Zahnwuchsrichtung halten die Zähne zwar auch hohe Kräfte aus, aber da die Zähne ja ständig wachsen, sind sie weniger stark mit dem Kieferknochen verbunden als z.B. die Zähen von einem Mensch, Hund, Ratte, ... . Bei hoher Last werden sie nennenswert in den Kiefer gedrückt.
Presst ein Kaninchen zum Kauen von Futter, das sich nicht seitlich zerkleinern lässt, regelmässig die Unterkieferzähne gegen die Oberkieferzähne, kann das bei entsprechender Disposition durchaus Probleme verursachen.

Ob die übermässige axiale Belastung, die beim Kauen von Broken und körniger Nahrung auftritt, das retrograde Wachstun verursacht, ist unklar.

Was beim retrograden Wachstum aber sicher eine Rolle spielt ist die Länge der Zähne. Damit sich Kaninchenzähne abnutzen, muss ein Kaninchen kauen und zwar viel. Bekommt das Kaninchen Nahrung mit einer hohen Energiedichte (z.B. Körnerfutter), kann es seinen Energiebedarf mit weniger Kauen decken und es besteht die Gefahr, dass die Zähne stärker wachsen, als sie sich abnutzen.
Ab einem gewissen Niveau sind die Zähne so lange, dass sie auch in der Ruhestellung einen Kontakt haben, was sich dann weiterentwickelt in Zustände, bei denen das Kaninchen den Mund etwas offen und die Zähne in Kontakt sind.
So wirkt dann ständig eine Kraft in Zahnwuchsrichtung. Ist diese gross genug, bremst es die Zahnwachstumsbewegung aus. Da trotzdem neues Zahnmaterial gebildet wird, verlängert sich der Zahn nach hinten.

Das kann soweit gehen, dass die Zahnwurzel in die Augenhöhle einbricht oder den Tränen-Nasenkanal verengt.



Nebst den Kräften, die auf die Zähne ausgeübt werden, spielen natürlich auch die aufgenommenen Nährstoffe eine grosse Rolle. Die Ernährung des Muttertiers und die Ernährung der wachseneden Kaninchen hat meiner Beobachtung nach einen nennenswerten Einfluss auf die Zahngesundheit.
So gesehen werden nicht wenigen Kaninchen schon auch Zahnprobleme "angezüchtet", obwohl ausser der Brachygnatie genetisch bedingte Zahnprobleme beim Kaninchen sehr selten sind.



Liebe Grüsse
Lina
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Andryna
Nager-Erforscher


Anmeldungsdatum: 06.03.2014
Beiträge: 48
Wohnort: Hessen

BeitragVerfasst am: 29.04.2015 08:21    Titel: Re: Zahnprobleme zuchtbedingt? Antworten mit Zitat

Darf man denn auch etwas aus Sicht der Degus/Deguhalter dazu beitragen? Wink

Was für die Linie des Deguforums gut ist, ist für den Austausch über vererbbare Krankheiten o.ä. eher schlecht, da Züchter o.ä. im größten deutschsprachigen Deguforum unerwünscht sind. Und hierher verirren sich doch recht selten Deguhalter.
Ich würde einen Austausch gerade im Hinblick auf solche Themen sehr begrüßen, aber ich habe festgestellt, dass die wenigen "offiziellen" Züchter (die "ich will mal Babies haben" Menschen nehme ich mal heraus) lieber ihr eigenes Süppchen kochen. Da gibt es kein Forum, wo man sich austauscht, einzig vielleicht die Gruppen auf Facebook, die für Züchter offen sind, aber selbst da werden maximal bunte Bilder gezeigt. Von den Kunden dieser Züchter hört man, was Krankheiten angeht, auch wenig bis gar nichts, bzw. nichts, was mit der Herkunft in Verbindung gebracht wird. Klar, die Kunden wollten einfach nur bunte Degus, und die Züchter machen sich ja sicher nicht ihr Geschäft kaputt, indem sie mögliche genetische Probleme publik machen. Über Degus weiß man dahingehend so wenig, dass konkrete Krankheitsverläufe alleine mit dem Zufall begründet werden.

Mir ist aber gleichzeitig auch aufgefallen, dass auch Deguhalter (und damit meine ich hauptsächlich Mitglieder im Deguforum), die ihre Tiere recht naturnah füttern (d.h. mit einer Vielfalt an Kräutern, Laub, Wiese etc.) früher oder später Tiere mit Zahnproblemen haben. Die wenigsten Tiere werden bei den heutigen Besitzern geboren, sondern stammen über Umwege von Unfallwürfen, eskalierte Vermehrungen oder auch aus Zuchtbetrieben (bsp. Degunotfall Ost). Nur wie, wenn nicht durch Austausch und Nachverfolgen von Degugenerationen mit Zahnproblemen, will man feststellen, ob die Probleme hausgemacht sind oder bereits durch die Genetik vorbestimmt sind?
Mich wundert dann nur, warum die Zahnprobleme (egal ob angeboren oder ernährungsbedingt) meist erst Monate oder Jahre später auftreten, nachdem die Ernährung umgestellt wurde. Da kann man jetzt natürlich wieder die "Theorie" des DIC/DIF einbringen (Wichtigkeit von Vit D und Ca:Ph Verhältnis).
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Andreas
Kaninchen würden Wiese kaufen


Anmeldungsdatum: 27.02.2009
Beiträge: 1228

BeitragVerfasst am: 30.04.2015 20:55    Titel: Antworten mit Zitat

Noraja hat Folgendes geschrieben:
Lässt man seltene Stoffwechselstürungen und derartige Erkrankungen weg, gibt es bei Kaninchen genau ein typisches Zahnkrankheitsbild, das wirklich angeboren ist und zwar die Brachygnathie. Das sind Tiere, bei denen der Abstand zwischen den Backenzähnen im Oberkiefer und den Oberkieferschneidezähne zu kurz sind. Dadurch berühren sich die Schneidezähne nicht oder ungenügend und wetzen sich nicht genügend ab.

Ich sehe die Erklärung etwas abweichend Smile

In der Literatur werden verschiedene Formen von erblich bedingten Zahnfehlern bei Kaninchen beschrieben. Vorrangig geht es dabei um Kieferanomalien in Form der Ver-kürzung eines Kiefers gegenüber dem anderen, meist des Oberkiefers gegenüber des Unterkiefers, Brachygnathia superior genannt (Hechtgebiss; Mandibuläre Prognathie), die andere Form, ein vergrößerter Oberkiefers, wird als Prognathia inferior bezeichnet. Brachygnathia superior tritt nach (Kötsche, et al., 1990) u. a. bei den Rassen Weiße Neuseeländer, Japaner- und Zwergkaninchen auf. Als besonders prädestiniert gelten die runden Köpfe von Widderkaninchen - ein belastbarer Nachweis dafür fehlt indes nach wie vor. (Glöckner, 2002) untersuchte z. B. Tiere verschiedener Rassen, die wegen diverser Auffälligkeiten dem Arzt vorgestellt wurden. Darunter befanden sich auch Zwerg- und Widderkaninchen - eine Prädisposition für Zahn- und Kiefererkrankungen auf Grund der Kopfform konnte jedoch nicht festgestellt werden, auch nicht durch Vermessungen von Kopf und Kiefer der Tiere. (Rahman, et al., 1983) wiesen an 668 Weißen Neuseeländern lediglich für 1,2 % der Tiere eine Fehlstellung der Incisivi durch Oberkieferverkürzung nach. Das entspricht etwa der prozentualen Verteilung, wie sie von (Nachtsheim, et al., 1977) bei 266 Wildkaninchen festgestellt wurde (1,12%).

Von (Rudolph, 1997) wird die Feststellung getroffen, dass eine Kopplung zwischen dem Dwarf-Gen (Zwerg-Gen) mit Genen, die Defekte wie z. B. Zahn- oder Kieferanomalien hervorrufen, bei Zwergkaninchen nach heutigem Erkenntnisstand nicht gegeben ist. Das Dwarf-Gen ist eines von drei Genen, das für einen proportionierten Zwergwuchs verant-wortlich ist. Proportionierter Zwergwuchs kann durch natürliche Selektion wie beim Porto-Santo-Kaninchen oder durch selektive, künstliche Zuchtauswahl wie beim Hermelinkaninchen gefördert werden.

Eine Bewertung von Quellen in Bezug auf erbbedingte Zahnfehler ist immer fragwürdig, da es sich in den Studien fast ausschließlich um vorselektierte Tiere handelt. Das heißt, die meisten Zahlen stammen aus Untersuchungen, in denen Tiere wegen Auffälligkeiten im Kopfbereich, der Futteraufnahme oder Störungen der Verdauung vorgestellt bzw. untersucht wurden und deshalb der Anteil an Zahnanomalien allgemein und Erbfehlern speziell naturgemäß höher erwartet werden kann.

Mandibuläre Prognathie äußert sich nach (Rudolph, et al., 1982) neben der Verkürzung des Oberkiefers durch eine Anomalie der Schneidezähne (Überstand der unteren über die oberen Schneidezähne = anomale Okklusion), wodurch eine Abnutzung der nachwachsenden Schneidezähne nur noch unzureichend oder ganz unmöglich ist. Durch die zuneh-mend erschwerte Futteraufnahme und einer späten oder ausbleibenden Behandlung verhungern die Tiere.

Brachygnathia superior tritt nach (Glöckner, 2002) frühestens ab der dritten bis fünften Lebenswoche auf und ist bis zur achten soweit manifestiert, dass die Tiere lebenslang Zahnkorrekturen benötigen. Züchter, die solche Tiere weitergeben, handeln verantwortungslos, ebenso bei einem weiteren Einsatz der Elterntiere oder des betroffenen Tieres als Zuchttier. Bei später auftretenden Zahnfehlern handelt es sich überwiegend um erworbene Deformationen, die auf Ernährungs- und/oder Haltungsfehler zurückzuführen sind.

Andryna hat Folgendes geschrieben:
Mich wundert dann nur, warum die Zahnprobleme (egal ob angeboren oder ernährungsbedingt) meist erst Monate oder Jahre später auftreten, nachdem die Ernährung umgestellt wurde.

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, das Zahnfehler, die nach abgeschlossener Entwicklung auftreten, zu 99% erworben sind.

freundliche Grüße,
Andreas

Quellen:
- Kötsche, W. und Gottschalk, C. 1990. Krankheiten der Kaninchen und Hasen. 4. Aufl. Jena : Fischer, 1990. ISBN 3-334-00295-0.
- Glöckner, B. 2002. Untersuchungen zur Ätiologie und Behandlung von Zahn- und Kiefererkrankungen beim Heimtierkaninchen. Berlin : Freie Universität, 2002. Dissertation.
- Rahman, A. S. M. H., Al-Mahmud, K. A. und Islam, K. M. N. 1983. Dental malocclusion in New Zealand White Rabbits (Oryctolagus cuniculus). Bangladesh Vet. J. 1983, 63, S. 85-88
- Nachtsheim, Hans und Stengel, Hans. 1977. Vom Wildtier zum Haustier. Berlin, Hamburg : Parey, 1977. ISBN 3-489-60636-1.
- Rudolph, W. 1997. Ist die Zucht von Zwergkaninchen tierschutzgerecht? Deutscher Kleintier-Züchte. 1997, 7, S. 6-7.
- Rudolph, W. und Kalinowski, T. 1982. Das Hauskaninchen. Wittenberg : Ziemsen, 1982
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Noraja
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Anmeldungsdatum: 25.04.2010
Beiträge: 665
Wohnort: Schweiz

BeitragVerfasst am: 30.04.2015 22:10    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Mich wundert dann nur, warum die Zahnprobleme (egal ob angeboren oder ernährungsbedingt) meist erst Monate oder Jahre später auftreten, nachdem die Ernährung umgestellt wurde.

Das finde ich nun nicht so erstaunlich.

Über falsche Ernährung erworbene Zahnschäden entstehen langsam. Und zwischen dem Tag, ab der am Zahn Schäden hat, die Probleme verursachen werden und dem Zeitpunkt an dem die Schäden sich soweit verschlimmert haben, dass nicht nur das Tier, sondern auch der Halter sie bemerkt, liegen typischerweise viele Monate.




Zitat:
Ich sehe die Erklärung etwas abweichend

Du hast Recht, dass es verschiedene angeborene Kieferanomalien gibt, die sich in einer falschen Lage der Schneidezähne zueinander zeigen. Da hab ich etwas zu eilig getippt und die Prognatie unterschlagen Embarassed .
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Miriam
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Anmeldungsdatum: 06.09.2010
Beiträge: 370
Wohnort: Offenbach

BeitragVerfasst am: 08.05.2015 02:35    Titel: Antworten mit Zitat

Ich bin zufällig gerade auf die Dissertation von Barbara Glöckner gestoßen. http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2002/292/

Gerade diese Stelle fand ich interessant:

Zitat:
Von den insgesamt 58 Tieren mit Zahn- und Kiefererkrankungen waren 33 (56,9 Augenrollen männlichen Geschlechts. Tendenziell scheinen männliche Tiere also -wie auch in der Literatur bereits mehrfach vermutet- häufiger von den genannten Veränderungen betroffen zu sein.


Eine Freundin von mir hat eine Großpflegestelle und trennt ihre Familienverbände nicht, wenn sie sich gut verstehen. Sie berichtet mir immer wieder davon, dass von den Familienverbänden meistens die männlichen Tiere durch Zahnprobleme auffallen, und die Häsinnen vollkommen gesunde Zähne haben.
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Liebe Grüße
Miriam
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Andreas
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Anmeldungsdatum: 27.02.2009
Beiträge: 1228

BeitragVerfasst am: 08.05.2015 09:50    Titel: Antworten mit Zitat

Miriam hat Folgendes geschrieben:
Eine Freundin von mir hat eine Großpflegestelle und trennt ihre Familienverbände nicht, wenn sie sich gut verstehen. Sie berichtet mir immer wieder davon, dass von den Familienverbänden meistens die männlichen Tiere durch Zahnprobleme auffallen, und die Häsinnen vollkommen gesunde Zähne haben.


In der Heimtierhaltung werden Rammler fast ausnahmslos kastriert - insofern überrascht eine solche Feststellung nicht wirklich.

freundliche Grüße,
Andreas
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Andreas
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Anmeldungsdatum: 27.02.2009
Beiträge: 1228

BeitragVerfasst am: 08.05.2015 20:50    Titel: Antworten mit Zitat

Wegen Nachfrage als Ergänzung:

Eine Kastration ändert den Hormonhaushalt. Das ist ja zum Teil sogar gewollt. So sinkt z. B. der Calcitonin-Spiegel im Blut. Dabei handelt es sich um ein Hormon aus der Schilddrüse, das als Gegenspieler von Parathormon den Calcium- und Phosphathaushalt im Körper reguliert. Calcitonin hat dabei eine calciumsenkende Wirkung und hemmt den Calciumabbau aus den Knochen. Das Parathormon wird in der Nebenschilddrüse gebildet und hat eine calciumerhöhende Wirkung im Blutplasma.

Durch den veränderten Hormonstoffwechsel und das Absinken des Calcitoningehaltes im Blut kann es zu Osteoporose kommen, eine Verringerung der Knochendichte, weil zuviel Calcium aus den Knochen und Zähnen gelöst wird. Außerdem kommt es häufig zu einem unproportionierten Knochenwachstum, was uns z. B. Kieferdeformationen erklären könnte. Die eingeschränkte Mineralisierung von Knochen und Zähnen ist wohl aber eines der Hauptrobleme: lockere Zähne, daraus folgende Abszesse, brüchige Zähne, kaputte Kieferknochen... das alles können Folgen von Kastrationen sein. Bei Frühkastration geht alles halt auch entsprechend früher los - mit einem halben bis dreiviertel Jahr dürfte sich dann einiges manifestiert haben. Das Altern bzw. typische Alterserscheinungen wird mit der Frühkastration in das erste Lebensjahr verlegt.

Darauf weist kein Tierarzt hin, weil man ja einmal mit der Kastration Geld verdient und dann noch mal mit den Folgen der Kastration. Oder soll man unterstellen, dass die Tierärzte die mögliche Folgen einer Kastration gar nicht kennen? Das wäre ja mal richtig fatal... Wink

freundliche Grüße,
Andreas

Edit: das Beschriebene ist für Kaninchen, Ratten und Menschen belegt.
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Miriam
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Anmeldungsdatum: 06.09.2010
Beiträge: 370
Wohnort: Offenbach

BeitragVerfasst am: 08.05.2015 22:12    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, da hast Du schon Recht. Allerdings flog mir letztens Fachliteratur ich meine aus dem Jahr 1927, in der beschrieben war, dass der Calciumabbau der Zähne beim Kaninchen keine große Rolle spielt. Das wunderte mich auch, war aber nicht näher beschrieben.
Hast Du dazu neuere Literatur?

Wenn ich die alte Info wiederfinde, stelle ich das hier nochmal ein.

Ja, das alte Leidthema Kastration, ist echt ein blödes Thema, ich wünschte, man könnte es umgehen, aber wenn wenig Platz vorhanden ist bei den Massen an Tieren, sehe ich leider keine Alternative. Dann kann man sich wohl nur auf ein Geschlecht im Tierschutz spezialisieren und hoffen, dass die Hormone der Tiere bei dem begrenzten Platz nicht überschießen.
Leider habe ich schon einige unkastrierte Böcke im Tierschutz erlebt, die sich gegenseitig kastriert haben, weil sie zu dicht aufeinander hockten und da wird eine Sterilisation auch nichts bringen.
Eins der Themen, die mir in der Seele brennen, ich aber im Tierschutz keine andere Lösung für habe.

Wie sind denn Deine Erfahrungen mit häufig scheinschwangeren Häsinnen? Sind sie wirklich potenziell gefährdeter was Gebärmuttertumore oder -entzündungen betrifft?
Meine TÄ erzählte mir letztens sie hätte vor Kurzem bei einer Häsin die Gebärmutter entfernt, die 1/3 des Körpergewichts des Kaninchens ausmachte. Eigentlich sehe ich das ja mit der Veränderung der Gebärmutter ja wie Du, aber das ist doch etwas viel würde ich sagen.
Gerade bei Kaninchen arbeitet ja die Gebärmutter ständig, da würde mich eher wundern, wenn sie immernoch aussieht wie zu Kinderzeiten. Die Frage ist nur, wann wird es gefährlich?

Übrigens, aus Angst vor Gebärmutterkrebs die Häsinnen prophylaktisch zu kastrieren, bringt gar nichts. Man umgeht damit vielleicht den GM-Krebs, dafür können prophylaktisch kastrierte Häsinnen jedoch an Knochenkrebs erkranken.

Wenn ich die Quellen wiederfinde, reiche ich sie nach.
_________________
Liebe Grüße
Miriam
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Andreas
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Anmeldungsdatum: 27.02.2009
Beiträge: 1228

BeitragVerfasst am: 09.05.2015 21:38    Titel: Antworten mit Zitat

Miriam hat Folgendes geschrieben:
Wie sind denn Deine Erfahrungen mit häufig scheinschwangeren Häsinnen? Sind sie wirklich potenziell gefährdeter was Gebärmuttertumore oder -entzündungen betrifft?

In über 15 Jahren Kaninchenzucht und -haltung hatten wir nicht einmal den Fall Gebärmuttererkrankung. Scheinträchtigkeiten waren sehr selten.

Ich bin vor einigen Jahren auf das Thema gestoßen, als jemand auf die extrem hohe Tumorgefahr bei weiblichen Kaninchen verwies und als Beleg eine amerikanische Webseite anführte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es so schlimm sein sollte, weil wir ja selbst nie einen solchen Fall hatten. Ich habe mich daraufhin mit den dort angegebenen Quellen beschäftigt. Das war nicht einfach, weil die wohl nicht unbedingt wollten, dass man sich informiert. Die Angaben der Quellen waren größtenteils falsch oder unvollständig.

Das, was die Quellen aussagen und das, was die Webseite daraus machte, ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Man hat sich schlicht und ergreifend etas zurechtgebogen, vieles weggelassen und somit ein völlig falsches Bild dargestellt. Der Blödsinn wird zum Teil heute noch zitiert. Krass ist besonders, das auch immer wieder eine Studie angeführt wird, in der Versuche mit krebsaulösenden Mitteln an Kaninchen durchgeführt wurden (Burrows, H.; Boyland, E. (1938): Neoplasia in Rabbits following the Administration of 1:2:5:6- Dibenzanthracene. Am J Cancer 32. 367-382).

Miriam hat Folgendes geschrieben:
Meine TÄ erzählte mir letztens sie hätte vor Kurzem bei einer Häsin die Gebärmutter entfernt, die 1/3 des Körpergewichts des Kaninchens ausmachte. Eigentlich sehe ich das ja mit der Veränderung der Gebärmutter ja wie Du, aber das ist doch etwas viel würde ich sagen.

Den Halter müsste man anzeigen. Eine solche Veränderung ohne zu reagieren hinzunehmen, verstößt gegen das Tierschutzgesetz. Aber wen interessiert dieses Gesetz schon wirklich.

Miriam hat Folgendes geschrieben:
Übrigens, aus Angst vor Gebärmutterkrebs die Häsinnen prophylaktisch zu kastrieren, bringt gar nichts. Man umgeht damit vielleicht den GM-Krebs, dafür können prophylaktisch kastrierte Häsinnen jedoch an Knochenkrebs erkranken.

Ja, auch das. Sie können aber noch an anderen Sachen erkranken, die sie ohne Kastration nie bekommen hätten. Will aber keiner hören, leider.

Das sind einige Quellen, die sich mit Kastrationen, Hormonen, Knochendichte etc. beschäftigen:

Badger, W. J.; Whitbeck, C.; Kogan, B.; Chichester, P.; Levin, R. M. (2006): The Immediate Effect of Castration on Female Rabbit Bladder Blood Flow and Tissue Oxygenation. Urol Int 2006;76:264–268

Baker, J. R. (1928): The influence of age at castration on the size of various organs. Journal of Experimental Biology 5.3. 187-194

Ben Saad, M. M. (2004): Reciprocal Interaction Between Seasonal Testis and Thyroid Activity in Zembra Island Wild Rabbits (Oryctolagus cuniculus): Effects of Castration, Thyroidectomy, Temperature, and Photoperiod. Biolog. of Reprod. 70. 1001-1009

Bokelmann, O.; Scheringer, W. (1932): Der Einfluß der Kastration auf den Funktionszustand der Schilddrüse bei der weiblichen Albinoratte. Archives of Gynecology and Obstetrics vol. 148. 1-11

Bourdeau, J. E.; Schwer-Dymerski, D. A.; Stern, P.H.; Langman, C. B. (1986): Calcium and phosphorus metabolism in chronically vitamin-D-deficient laboratory rabbits. Miner Electrolyte Metab. 12(3). 176-185

Burrow R, Batchelor D, Cripps P. (2005): Complications observed during and after ovariohysterectomy of 142 bitches at a veterinary teaching hospital. Vet Rec. 157(26). 829-33

Cooley, D. M; Beranek, B. C.; Schlittler, D. L.; Glickman, N. W.; Glickman, L. T.; Waters, D. J. (2002): Endogenous gonadal hormone exposure and bone sarcoma risk. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 11(11). 1434-40

Drori, D.; Folman, Y. (1976) Environmental effects on longevity in the male rat Exercise, mating, castration and restricted feeding. Experimental Gerontology. Volume 11(1–2). 25–32

Georgiev, I. P.; et al. (2011): Effects of castration-induced visceral obesity and antioxidant treatment on lipid profile and insulin sensitivity in New Zealand white rabbits. Research in Veterinary Science 90. 196–204

Gürkan, L.; Ekeland, A.; Gautvik, K. M.; Langeland, N.; Rønningen, H.; Solheim, L. F. (1986): Bone changes after castration in rats. A model for osteoporosis. Acta Orthopaedica 57(1). 67-70

Harcourt-Brown, F. (1995): A review of clinical conditions in pet rabbits associated with their teeth, Vet. Rec. 137. 341-346

Harcourt-Brown, F. (2001): Parathyroid hormone, haematological and biochemicalparameters in relation to dental disease and husbandry in rabbits. Journal of small animal practice 42(3). 130-136

Harcourt-Brown, F. (2002): Textbook of Rabbit Medicine. Oxford: Butterworth–Heinemann. ISBN 0 7506 4002 2

Juan, J-S. (2007): Effect of castration on male rabbit lower urinary tract tissue enzymes. Mol Cell Biochem 301. 227–233

Sokeland, J.; Rubben, H. (2008): Taschenlehrbuch Urologie. 14th ed.. Thieme

Tandler, J.; Grosz, S. (1913): Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere. Berlin: Springer.

Twigg, L. E. et al. (2000): Effects of Surgically Imposed Sterility on Free-Ranging Rabbit Populations. Journal of Applied Ecology 37(1). 16-39

Vignozzi, L. et al. (2012): Testosterone protects from metabolic syndrome-associated prostate inflammation: an experimental study in rabbit. J Endocrinol 212. 71-84

Warren, H. B.; Lausen, N. C. C.; Segre, G. V.; El-Hajj,G.; Brown, E. M. (1989): Regulation of Calciotropic Hormones in Vivo in the New Zealand White Rabbit. Endocrinology 125: 2683-2690

Williams, C. K. et al. (2007): Population Responses to Sterility Imposed on Female European Rabbits. Journal of Applied Ecology 44(2). 291-301

Wronski, T. J.; Dann, L. M.; Scott, K. S.; Cintrón, M. (1989): Long-term effects of ovariectomy and aging on the rat skeleton. Biomedical and Life Science 45(6). 360-366

freundliche Grüße,
Andreas
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